Dienstag, 10. Juli 2012

Street-Art IV: Plakate und die Zeichen der Zeit


Wir sind immer noch bei unserer Street-Art-Reihe und widmen uns heute Plakaten. Es ist die älteste Form von Außenwerbung, die früher vor allem an Litfaßsäulen zu sehen war. Heute sind Plakate fast überall, auch an alten verfallenen Häusern, die nicht mehr bewohnt werden. Fährt man mit offenen Augen durch Großstädte wie Leipzig wird man sehen, dass in letzter Zeit immer häufiger Vorrichtungen an Häuserruinen angebracht worden, die für Plakate vorgesehen sind. Ein verzweifelter Versuch die Häuser aufzuhübschen? Wohl eher nicht! Ich finde es trotzdem eine schöne Möglichkeit, alten heruntergekommenen Häusern auf diesem Wege noch ein kleines bisschen Leben einzuhauchen.


Die Fassaden bleiben, altern und gehen doch mit der Zeit. Und auch wenn sie so manchem vielleicht das moderne Stadtbild zerstören, ziehen alte Hauswände auf diese Art ihre Blicke auf sich. Wenn ich nämlich z.B. mit dem Bus durch die Stadt fahre und nach draußen blicke, geht mein Blick beinahe automatisch zu den meist bunten und auffällig gestalteten Plakaten. Da bin ich wohl für die Marketingverantwortlichen, die diese Plakate in Auftrag geben, schon mal eine ziemlich gute Partie. Aufmerksamkeit gewonnen, Plakat gesehen und …? Da kommen wir zu einem interessanten Punkt unserer Zeit: Wie sinnvoll ist es überhaupt noch in der heutigen technisierten computeraffinen Smartphonezeit aus Papier und Pappe hergestellte Plakate im öffentlichen Raum anzubringen? Ich sage: sehr sinnvoll. Man kann sich solchen Plakaten viel schwerer entziehen, auch wenn sich kein neues Fenster öffnet oder eine Banderole über den imaginären Bildschirm jagt. Sie sind ein Hingucker, oftmals allein deshalb, weil sie genau im Blickfeld derer angebracht worden, die z.B. an einer Ampel stehen oder gerade mit dem Bus an einer Haltestelle halten. Natürlich trägt auch die Gestaltung der Plakate ihren Teil zur Aufmerksamkeitsgewinnung bei. Mir jedenfalls würde etwas fehlen, wenn es irgendwann mal keine Plakate mehr geben würde. Schließlich sind sie nicht nur aus ästhetischen Gründen sehenswert, sondern zeigen auch, dass eine Stadt lebt, dass Theateraufführungen, Konzerte und Messen stattfinden usw. Außerdem hauchen sie alten Ruinen eine vielleicht allerletzte Funktion ein, ehe sie abgerissen werden – sie werden Werbe – und natürlich auch Informationsträger.

In Chemnitz habe ich vor ein paar Wochen übrigens an einem Haus ein Plakat entdeckt, dass aufgrund einiger Sanierungsmaßnahmen nach Jahren erst wieder zum Vorschein gekommen ist. Es war ein Plakat mit einer Konzertankündigung für das Jahr 2000. Das ließ mich, um ehrlich zu sein, schmunzeln, denn genau das ist es doch, was eine Stadt prägt … ihre (kulturelle) Geschichte, die sich an ganz unterschiedlichen Orten widerspiegelt und eben auch an dieser einzelnen Häuserwand, die so Teil der Geschichte wurde.



Plakate leisten so viel mehr als man im ersten Moment denkt, deshalb sind sie meiner Meinung nach ein wertvoller Teil unseres gesellschaftlichen Lebens und noch immer eine nicht zu unterschätzende Street-Art-Form.